Entwicklungsbeobachtung und pädagogische Dokumentation in Steiner/Waldorf-Einrichtungen für frühkindliche Bildung
„Das Kind sehen“
Ein Kind in der Steiner/Waldorf-Pädagogik wirklich zu sehen, bedeutet einen fortwährenden Prozess, in dem die Individualität und Selbstentfaltung des Kindes mit aufrichtigem, warmherzigem Interesse und frei von jeglicher Wertung wahrgenommen werden.
Die innere Arbeit und Haltung der Erzieherin oder des Erziehers werden als Voraussetzung für die Arbeit mit Kindern angesehen, und die Begegnung zwischen Kind und Erwachsenem bildet den Kern des Prozesses der Erziehung. Die Erzieherin oder der Erzieher begleitet das Kind, pflegt die Beziehung zu ihm gewissenhaft und gestaltet gleichzeitig einen sicheren Raum, in dem das Kind sich selbst ausdrücken kann. Die Erzieherin oder der Erzieher kann ein einfühlsames Verständnis für das einzigartige Potenzial und die Bedürfnisse des Kindes entwickeln.
Dazu gehören tägliche Vorbereitung, Reflexion, Vorstellungskraft und Kontemplation, um pädagogische Einsichten zu entwickeln. Durch tägliche Rückblicke, Meditation, Vorstellungskraft, anthroposophische Studienarbeiten, Diskussionen und die Betrachtung von Kindern gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen sowie Eltern befinden sich die Erzieherinnen und Erzieher auf einem Weg der persönlichen Entwicklung und bemüht sich gleichzeitig, seine Fähigkeiten im Interesse des Kindes zu vertiefen.
In diesem Sinne
- Geben wir den Kindern Zeit, ihr Potenzial in ihrem eigenen Tempo zu entfalten.
- Wir bieten ein förderliches und unterstützendes Umfeld.
- Wir wissen um die Bedeutung von Empathie und Beziehungen zu den Kindern im Prozess des Aufbaus von Vertrauen und Bindung.
- Wir folgen dem Prinzip von Vorbild und Nachahmung als grundlegender Lernmethode für Kinder zwischen der Geburt und dem 7. Lebensjahr.
- Wir sind uns unserer Verantwortung bewusst, als Vorbild zu dienen, und unserer Verpflichtung zur Selbsterziehung.
- Wir üben uns in achtsamer Wahrnehmung und intensiver Beobachtung der Kinder, um ihre Fähigkeiten und Bedürfnisse kennenzulernen.
- Wir bauen Beziehungen zu Kolleginnen und Kollegen auf und arbeiten gemeinsam an unserem Verständnis der kindlichen Entwicklung und der Selbstentwicklungspraktiken.
Zur Beurteilung der Entwicklung des Kindes können folgende Aspekte und Verfahren zur Anwendung kommen:
Biografisches Profil – Im Gespräch mit den Eltern gewinnen wir ein Bild vom Kind, einschließlich Schwangerschaft, Geburt, Entwicklungsstadien und familiärem Hintergrund sowie den von den Eltern wahrgenommenen Begabungen und Herausforderungen.
Kontinuierliche Beobachtung – Die Entwicklung eines gesunden Körpers und die Förderung der Sinne werden in den ersten sieben Lebensjahren als vorrangig angesehen. Um die Entwicklung einzelner Kinder zu beobachten, nutzen wir Kinderbetrachtung und individuelle Beobachtungen im Kreis der Erzieherinnen und Erzieher, die das Kind betreuen. Dies liefert uns sowohl ein beobachtbares Bild als auch einen Hinweis auf das Potenzial des Kindes.
Kinderbetrachtung – Die äußere Beschreibung sammelt Beobachtungen des Kindes, einschließlich körperlichen Aussehens, Bewegungs- und Kommunikationsverhaltens im freien Spiel und im Umgang mit anderen, ohne dabei zu urteilen. Die innere Betrachtung versucht, durch Reflexion und Vorstellungskraft zum Wesen des Kindes vorzudringen und die Beobachtungen zu einem Bild des Kindes zu verweben, ohne zu diagnostischen oder spezifischen Schlussfolgerungen zu gelangen.
Die Beobachtungen und Reflexionen unter Kolleginnen und Kollegen finden über mehrere Tage oder Wochen hinweg statt. Eine gemeinsame Betrachtung der Zeichnungen und Bilder des Kindes kann zusätzliche Erkenntnisse liefern. Alle Beobachtungen werden in einem Geist der Fürsorge und liebevollen Aufmerksamkeit, mit Geduld und Ehrfurcht sowie mit einer Geste sanfter Neugierde durchgeführt, um die Beziehung zum Kind zu vertiefen und seine Absichten und Bedürfnisse zu erkennen.
In Steiner/Waldorf-Einrichtungen für frühkindliche Bildung kann die Betrachtung des Kindes den Zugang zum Wesen des Kindes ermöglichen und zugleich die Wahrnehmung seiner Entwicklung erleichtern. Alle Informationen aus einem fortlaufenden Dialog mit den Eltern sollten in diese Reflexion einfließen.
Davon ausgehend kann sie bei Bedarf durch Bewertungen unter den folgenden Gesichtspunkten ergänzt werden:
Formative Beurteilung – Beobachtung und Dokumentation der ganzheitlichen Entwicklung jedes Kindes in Bereichen wie Sprache, Spiel, Kreativität und soziale Interaktion, um Einblicke in seine individuellen Stärken und Bedürfnisse zu gewinnen. Dies unterstützt eine responsive Arbeitsweise und stellt sicher, dass die Lernmöglichkeiten das Kind als Ganzes widerspiegeln, statt sich auf akademische Ergebnisse zu konzentrieren.
Vergleichende Bewertung – Betrachtet die sich entfaltende Individualität des Kindes im Hinblick auf allgemeine Entwicklungsmeilensteine. Dies kann Bereiche aufzeigen, in denen es besonderer Aufmerksamkeit und verstärkter Unterstützung bedarf, beispielsweise wenn ein Kind während einer Entwicklungsphase eine Krise durchlebt.
Summative Beurteilung – Diese kann in Zeiten der Übergänge stattfinden, z. B. bei der Vorbereitung auf den Kindergarten oder auf expliziteres Lernen und Anleitung beim Übergang vom Kindergarten zur Grundschule. Sie liefert uns einen genaueren Überblick über die allgemeine körperliche, emotionale, soziale und kognitive Entwicklung der Kinder.
Diagnostische Beurteilung – Aus Beobachtungen und Intuition sowie in Absprache mit den Eltern identifizieren wir Bereiche, in denen ein Kind möglicherweise spezifische fachliche Unterstützung benötigt, um bestimmte Entwicklungs- oder Erziehungsbedürfnisse und/oder Behinderungen zu erfüllen. Wir verzichten darauf, diagnostische Schlussfolgerungen zu ziehen.
Berichte und schriftliche Bewertungen – In vielen Ländern schreiben die Vorschriften vor, dass zu verschiedenen Zeitpunkten im Leben eines Kindes, beispielsweise beim Übergang in die Schule, ein Bericht über die ganzheitliche Entwicklung des Kindes vorgelegt werden muss. In Steiner/Waldorfschulen geschieht dies in der Regel im Alter von sechs bis sieben Jahren. Eine Zusammenfassung des Berichts wird den Eltern des Kindes und/oder dem nächsten Lehrer an der Schule zur Verfügung gestellt. In vielen Ländern verlangen Behörden schriftliche Beurteilungen. Alle Informationen in diesem Zusammenhang werden nur mit Zustimmung der Eltern weitergegeben.
Das Kind mit offenem Blick betrachten
In Steiner/Waldorf-Einrichtungen für die erste Phase der Erziehung versuchen die Erzieher, die Entwicklungsschritte als Ergebnis der Eigeninitiative und Nachahmungsfähigkeit des Kindes zu betrachten. Durch diese einzigartige Fähigkeit entwickelt das Kind von der Geburt bis zum Alter von 7 Jahren seine Identität und Widerstandsfähigkeit.
Die frühen Kindheitsjahre bedürfen besonderer Schutzmaßnahmen, um die sich entfaltenden Kräfte des Kindes vor verfrühten Erwartungen zu bewahren. Daher wird besonders auf die individuelle Entwicklungsdynamik und das Wohlbefinden des Kindes geachtet. Alle Entwicklungsschritte werden mit Wertschätzung betrachtet, und die individuelle Art und Weise, wie das Kind seine Fähigkeiten entfaltet, sollte keiner Bewertung anhand vorab festgelegter Lernergebnisse unterzogen werden.
Die Erzieherin oder der Erzieher sollte sich klar zur Selbstbewertung verpflichten und ein gutes Vorbild für das Kind sein, während sie oder er die Beziehung zwischen ihnen vertieft. Das Beobachten der Entwicklung des Kindes mit Interesse und aufrichtiger Wertschätzung kann das Vertrauen des Kindes stärken und ihm Selbstvertrauen geben, um die Welt weiter zu entdecken.
IASWECE, Oktober 2025